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Die Stimme der freien Welt|Die automobilen Freuden des Herrn M. Episode
Gestern erzählte mir ein Freund, daß er jetzt unter die Oldtimer-Sammler
gegangen sei. Nun, Oldtimer-Sammler ist vielleicht ein wenig
übertrieben, aber ein Ford Mustang - natürlich selbstüberführt! - ist ja
schonmal ein Anfang.
Damit gehört er zu der verschworenen Gemeinschaft derer, die Autos
lieber reparieren und putzen, anstatt sie zu fahren. Stolz teilte er mir
bereits seine ersten Erfolge beim Blankwinern mit - und der
Sechs-Liter-Motor würde auch einen satten Sound produzieren. In der
Garage versteht sich, draußen könne man das gute Stück natürlich nicht
stehen lassen. Und einen kleinen Blei-Zusatz für den Tank sollte man
auch immer dabei haben, dann mit so modernen schwefelarmen, bleifreien
Schumi-Kraftstoffen kommt das betagte Fortbewegungsmittel nicht klar.
Offensichtlich gehört zum Autosammeln eine gewisse Leidenschaft. Diese
Leidenschaft bringt auch Herr M. auf.
Ich kenne Herrn M. schon recht lange, seit der Schulzeit, um genau zu
sein. Uns verband die Tatsache, daß wir beide mit dem Vollenden des
achtzehnten Lebensjahres sowohl über einen Führerschein, wie aber auch
über ein dazu passendes Auto verfügten. Dennoch unterschieden sich
unsere fahrbaren Untersätze in einigen grundlegenden Punkten:
Ich hatte ein Auto, dessen einzige Sonderausstattung aus der
scheußlichen Lackierung Orange bestand - "Sonderlackierung", wie der
Verkäufer betonte. Ich nehme an, daß bei der Stadtreinigung noch
Lackreste übrig waren.
Herrn M. dagegen stand ein elterlich finanziertes Gefährt zur Verfügung,
auf welches die halbe Oberstufe der Schule neidisch war - auch
die Mädchen, welche es zwar nur hinter vorgehaltener Hand zugaben, aber
dennoch abends gern mit ihm mitfuhren und die Sitzheizung genossen.
Es handelte sich bei den Wagen um einen schicken, nigelnagelneuen Polo
mit elektrischen Fensterhebern, Metallic-Lackierung, Soundsystem,
schnellem Motor und Leichtmetallfelgen.
Letztere sollten sich übrigens auch als erstes Handicap dieses Wagens
herausstellen, nachdem Herr M. den dummen Fehler begang, sein Herzstück
für eine kleine Spritztour von einer halben Stunde kameradschaftlich an
einen Mitschüler zu verleihen.
Er übergab den Wagenschlüssel nichtsahnend an Herrn G., dessen, sagen
wir, sportliche Fahrweise allen an der Schule bekannt war. Nur
offensichtlich Herrn M. nicht. Dieser bereute die Entscheidung, sein
vielgehegtes zweitbestes Stück aus der Hand gegeben zu haben, bereits
kurze Zeit später: in der teuren Leichtmetallfelge prangte ein kapitaler
Kratzer.
"Muß wohl beim Einparken passiert sein", kommentierte Herr G. das
Ereignis schulterzuckend, als er ihm den Schlüssel zurückgab.
Herr M. war einem Herzinfarkt nahe.
Nicht, daß im noblen Zehlendorf die finanzielle Regulierung des Schadens
ein Problem gewesen wäre.
Aber Eltern von Herrn M. durften natürlich von dem Malheur nichts
erfahren: bei vorgegaukelter Eigenverantwortung für den Unfall wäre die
Fahrtüchtigkeit des eigenen Sohnes angezweifelt worden. Und eine
Bekanntgabe des wahren Verursachers kam im beiderseitigen Interesse
ebenfalls nicht in Betracht. Heute würde man das wohl Ehrenwort nennen.
Ganz im Stile der Vorbilder mit den schwarzen Kassen fand sich dann aber
doch kurzfristig ein Automechaniker, der auf brutto-gleich-netto-Basis
den Schaden behob, so daß der Wagen aussah, als sei nie etwas passiert.
Beide Eltern erfuhren nie etwas von dem Vorfall. Nur Herr G. war um etwa
500 DM ärmer und eine Einparkerfahrung reicher.
Nach der Beendigung der Schulzeit hat sich Herr M. aber nicht lumpen
lassen und seine automobile Leidenschaft verfolgt. Ich denke, er ist
von den Leuten die ich kenne der Mensch, der mit Abstand jemals die
meisten Autos besaß. Die Zahl dürfte sich momentan so ca. um die 30
Modelle belaufen, die er aber meistens nach wenigen Monaten im Rahmen
obskurer Handelsgeschäfte wieder verkaufte, um das nächste Schnäppchen
zu erstehen.
Herr M. lernte sogar mal für ein paar Monate in einer Autowerkstatt an,
mit dem Ziel, Bagatellreparaturen selbst auszuführen oder zumindestens
die Aufwandshöhe besser schätzen zu können. So sollten die
Betriebskosten des hauseigenen Fuhrparks auf erträglichem Niveau
gehalten werden. Allerdings ist Herr M. nicht der Typ, der mit einem
Blaumann unter einem Wagen liegt und mit einem "Zwölfer" hantiert. Daher
wurde die Maßnahme recht schnell wieder eingestellt.
Anläßlich eines Geburtstages von Herrn M. waren die geladenen Gäste
relativ ratlos, was eine gute Geschenkidee angeht. Das aktuelle Auto
von Herrn M. war seinerzeit ein Mercedes 190 Diesel als Kombi-Version
mit Seitenbeplankung. Diese hieß in der Aufpreisliste wahrscheinlich
ursprünglich mal "Holzlaminatdekorapplikationen, außen". Tatsächlich
handelt es sich dabei um diese scheußlich aussehenden Holzimitate an den
Seitentüren, die normalerweise eher auf den Geschmack von texanischen
Holzfällern zugeschnitten sind.
Die Autobegeisterung von Herrn M. nicht ganz ernstnehmend kam man auf
die Idee, ihm zur Zierde einen verchromten Doppelauspuff für das Gefährt
zu schenken. Dabei waren sich die Beteiligten aber nicht ganz sicher, ob
das a) ein guter Scherz, b) ein böser Scherz oder c) gar ein Geschenk
sein wird, über das er sich sogar freut. Alkolholgeschwängert wurde
jedenfalls beschlossen, den Plan in die Tat umzusetzen.
Also wurde fachkundiger Rat beim Schöneberger Auto-Tuning-Fachhändler
"Autoteile Aslan" eingeholt, der seit vielen Generationen fest in
türkischer Hand ist. Inmitten des Dialogs kam ich mir zeitweise äußerst
peinlich vor, fiel aber zwischen der Stammkunden nicht weiter auf.
Schnell war mein Begehr beschrieben, wobei ich versuchte, so fachkundig
wie irgend möglich zu wirken:
Ich: "Ich hätte gern einen verchromten Doppelauspuff für einen Mercedes
190'er Kombi. Am besten einfach so zum Aufstecken, zur Zierde."
Verkäufer: "Was für Auspuff? Es gibt dem sehr viele!"
(Der Verkäufer holt einen dicken Katalog mit der Aufschrift
"Zubehörteile Mercedes" heraus)
Verkäufer: "Was für Modell ist dem?"
Ich: "190 ... D"
Verkäufer: "Ah, Diesel. Dem ist Problem, weil dem hat abgewinkelte
Auspuff. Dem geht nicht aufzustecken."
Ich: "Oh, das ist ja schade, also geht das gar nicht?"
(Etwas erleichtert will ich bereits den Laden verlassen)
Verkäufer: "Nein, dem ist kein Problem. Bringst Du mir einfach Auto
vorbei, flex' ich dem Auspuff gerade und dann geht dem."
Freundlich bedankte ich mich bei dem Verkäufer für sein Engagement, teile
ihm aber mit, daß ein Überlassen des Fahrzeuges insbesondere zum Zwecke
baulicher Änderungen erst mit dem Besitzer abgesprochen werden müsse, da
es sich hierbei um ein Geschenk handle.
Tatsächlich hätte sich aber der Kauf des zweifelhaften modischen
Accessoires für den Auspuff gar nicht gelohnt, denn kurze Zeit später
erfüllte sich Herr M. seinen persönlichen automobilen Traum:
Er kaufte sich einen alten MG Roadster Cabrio, tiefergelegt und in grün,
versteht sich.
Das gute Stück sprengte aber durchaus seinen finanziellen Rahmen, so daß
er beschloß, mit einem Freund zusammen eine Eignergemeinschaft zu
bilden. Nachdem die Details über die Nutzung des Fahrzeuges geklärt
waren, kam es schließlich zum Kaufvertrag.
Lange währte das Cabrio-Glück aber nicht, denn bereits auf der ersten
Probefahrt zur Ostsee - mit weiblicher Begleitung - lief Herr M. in ein
kleines Problem hinein.
Als er nämlich gemütlich mit ca. 100 Sachen die Landstraßen
entlangbrauste, machte es plötzlich nahezu unhörbar "Pling".
Dieses "Pling" war das Geräusch, was die Rückhaltefeder des Gaspedals
eines englischen Sportwagens macht, wenn sie reißt. So ergab sich
plötzlich eine ungeahnte Beschleunigung des Wagens, welche sich
schließlich nur noch durch das Entfernen des Schlüssels aus dem Zündschloß
stoppen ließ. Fortan beherrschte das Gefährt nur noch zwei Einstellungen: aus und an.
Das war dann aber auch für den sportlich fahrenden Herrn M. doch einen
Tick ZU sportlich, so daß der Ostseetrip kurzerhand unterbrochen werden
mußte, um auf den ADAC zu warten.
Der Techniker löste dann umgehend mit Hilfe einer Ersatzfeder das
Problem. Der Ausflug war dennoch im Eimer.
Das finale Ende der Sportwagenfreuden von Herrn M. fand jedoch statt,
als ihm für zwei Wochen das elterliche Haus zum Hüten überlassen wurde.
Dies war ihm nicht gerade unangenehm, konnte man doch im feudalen Garten
die eine oder andere mindestens genauso feudale sommerliche Grillfete
veranstalten.
Ungünstigerweise fuhr der Vater von Herr M. eine Altherrenlimousine, die
von der Bauform her nicht ganz der eines tiefergelegten englischen
Roadsters entsprach.
Dies mußte Herr M. dann auch feststellen, als er zum ersten Mal
schwungvoll in die Garage des elterlichen Hauses einfuhr. Da mußte er
das zweite und diesmal finale Geräusch dieses Roadsters vernehmen.
Diesmal war es lauter als ein "Pling".
Es war ein sehr häßliches, unschönes "Raatsch" was die etwas zu hohe
Garagentorbefestigung machte, als sie den Unterboden des englischen
Sportwagens wie eine Sardinenbüchse der Länge nach aufschlitzte und den
Wagen zu einem Totalschaden verwandelte.
Die Eigentümergesellschaft wurde daraufhin aufgelöst und seitdem fährt
Herr M. auch keine tiefergelegten englischen Sport-Cabrios mehr.
Beim letzten Besuch sah ich aber wieder einen Mecedes-Katalog auf seinem
Tisch liegen, den er mit den Worten kommentierte: "So ein tiefergelegter
SLK, das wäre doch mal was ..."
[ Tue, 10 Jan 2006 13:07:16 +0100 ]
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