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Die Stimme der freien Welt|Das Testessen Episode
Zwillinge (lat.: gemini) sind genau zwei Kinder einer Mutter, dieinnerhalb der gleichen Schwangerschaft herangewachsen sind und in derRegel in Verlauf des gleichen Geburtsvorganges zur Welt kommen.-WikipediaVor längerer Zeit lernte ich eine Frau kennen, die sich durch Charmeund durch eine überdurchschnittliche Intelligenz auszeichnete. Dadiese Kombination ja nicht häufig anzutreffen ist und durchaus sehranziehend wirken kann, kam es wie es so häufig kommen mußte: wirverbrachten viel Zeit miteinander und hatten eine äußerst reizendeLiäson.Sie wohnte nicht in der gleichen Stadt wie ich, so daß innerhalbkurzer Zeit mein Flugmeilenkonto anwuchs und ich der Lufthansabeträchtliche Beträge in den Rachen warf, um besagte Dame regelmäßigbesuchen zu können.Schnell stellte ich fest, daß bei ihr die eigene Familie einenbesonderen Stellenwert besaß. Das traf jedoch nicht nur auf die Elternzu, die ich übrigens aufgrund einer traurigen Ironie des Schicksals nieweiter kennenlernen durfte - sondern vielmehr gab es dort eineZwillingsschwester. Zwischen jener und meiner Angebeteten herrschte einebesonders enge Bande.Über die enge Verbindung zwischen Zwillingen hört man ja so einiges,nicht zuletzt sollen diese ja häufig zur gleichen Zeit an den gleichenKrankheiten leiden. Ob dem so ist, habe ich nicht eruieren können,dennoch brachte die enge Bande der beiden naturgemäß eine großeNeugier für die andere Person mit sich.Sobald einer der Schwestern eine neue männliche Errungenschaft aufihrem Punktekonto verbuchten konnte, stieg natürlich die Neugier derjeweils anderen ins Unermeßliche. Wer istes? Woher kommt er? Wasmacht er? Wie ist er? Gepaart ist eine solche Neugier natürlich immermit einem gewissen Neid, insbesondere wenn die jeweils andere temporärkeinen menschelichen Bettwärmer auf ihrer Seite verbuchen kann.Daher half natürlich nichts, man muß herausfinden, ob der Neidgerechtfertigt ist oder ob die erste Begutachtung der Beute eher ineinem milden bis mitleidigem Lächeln endet.Ich stellte mich also geistig schon darauf ein, die hochverehrteSchwester, beispielsweise im Rahmen einer gemeinsamen abendlichenAktivität einmal kennenzulernen."Abendliche Aktivität"war gar nicht soschlecht geraten, aber"gemeinsam"traf es nicht hundertprozentig.Als ich also eines Tages bei der Lebensabschnittsgefährtin auf demSofa sitze, bemerkt sie ganz beiläufig:"Ja, und dann wartet ja nochdas Testessen auf Dich."Ich sehe ein wenig überrascht auf und frage:"Testessen?""Ja, das Testessen"sagt sie und gießt sich noch einen Tee ein. DiesesRitual, so fährt sie fort, habe man vor langer, langer Zeiteingeführt, um die jeweils neuen Flammen gegenseitig kennenzulernen.Nichts großes, man würde einfach nur einen Abend zusammen essen gehen- und ich solle mich doch bitte dabei von meiner besten Seite zeigen,damit ich sie nicht vor der Schwester blamiere.Nach meiner Bemerkung, daß ich ausschließlich über beste Seitenverfüge, bin ich einverstanden und auch ein wenig neugierig:"Ja,also: gern. Wann wollen wir denn essen gehen? Heute?""Heute ist gut", antwortet sie."Aber nicht wir - IHR!"."Wie - IHR?"entgegne ich etwas überrascht.Nun, um den Charme, die Bildung, den Charakter und dieGentlementauglichkeit des neuen Mannes im Leben der anderen ausgiebigtesten zu können, würde eine Anwesenheit des Partners nur dieTestergebnisse verfälschen - und das könne die Abschlußbewertung, dienatürlich dann zu zweit vorgenommen wird, negativ beeinflussen. Undich solle mich tatsächlich ein wenig bemühen, die letzten Kandidatenwurden bereits nach wenigen Minuten negativ beschieden und dieanschließenden Urteile seien dementsprechend hart ausgefallen. DieFrau Schwester sei eben sehr anspruchsvoll."Was für ein reizendes Ritual"antworte ich zwar ein wenig überrascht,aber nicht unamüsiert von der Idee. Sie soll ihrer Schwestermitteilen, daß ich sie heute abend um acht Uhr von zuhause abhole.Und einen Tisch im schönsten Restaurant der Stadt solle sie auchgleich reservieren rufe ich ihr zu, bevor ich in die Duscheentschwinde.Als ich die Schwester schließlich um acht Uhr abhole, bin ich äußerstpositiv überrascht. Ein schlankes, großes Wesen mit zartem Gesicht,engelsblonden Haaren und sehr geschmackvoller Bekleidung stellt sichmir als die besagte Schwester vor.Ich lächle sie äußerst entzückt an, stelle mich höflich vor, helfe ihrin den Mantel und biete ihr meinen Arm an."Du bist also der neue Gefährte meiner Schwester"fragt sieunschuldig, was ich bejahe und den Small Talk mit den vielenGemeinsamkeiten zwischen Zwillingsschwestern eröffne. Die Fahrt zumRestaurant gestaltet sich bereits als relativ kurzweilig. Schnellwerden Gemeinsamkeiten und Gesprächsthemen gefunden. Die klassischeMusik und insbesondere Oper hat es ihr besonders angetan."Was für einHeimspiel", denke ich mir, lächele still in mich hinein und denke andie Geliebte zuhause, die wahrscheinlich gerade vor Neugier platzt.Das Amuse geulle läßt unsere musikalische Konversationsreise beimKunstlied von Schubert beginnen, führt uns während der Suppe über dieVielfältigkeiten der Interpretationen von Beethoven-Sonaten undversorgt uns beim Fisch mit einer interessanten Diskussion überverschiedene Aufführungen von Wagners Tristan.Inzwischen tut auch der Alkolhol zuverlässig seine Wirkung. Da dieerste Flasche Chardonnay bereits nachhaltig vernichtet wurde frage ichbei meiner Abendbegleitung nach, ob wir uns denn auch zum Hauptgang nocheine ganze Flasche von diesem exzellenten Brunello gönnen sollten."Unbedingt"stimmt sie begeistert meinem Vorschlag zu und verweist aufihre hedonistische Lebenseinstellung.Diese Vorlage nutze ich natürlich sofort, um mich von den musikalischenGefilden auf etwas persönlichere Themen vorzutasten. Zu meinem großenErstaunen gelingt dies besser als erwartet. So gelangen wir zwischen demRehnüßchen-Hauptgang und Topfenstrudeldessert zielsicher zu pikanteren,man könnte sagen, erotischen Themen.Einige Stunden und nichtendenwollende Nachtische später stelle ich fest,daß wir die einzigen noch verbleibenden Gäste im Restaurant sind. Nurder hohe Betrag der Rechnung - und wahrscheinlichauch die Hoffnung aufein adäquates Trinkgeld - verbietet es den dienstbaren Geistern derLokalität bereits mit den Hufen zu scharren.Viele Stunden später öffne ich ihr die Tür zum Taxi, lasse sieeinsteigen und setze mich in den Fond des Wagens neben ihr. Trotzihrer Contenance ist der Alkolholeinfluß auf beiden Seiten, gepaartmit dem äußerst erfreulichen Abendverlauf, nicht zu leugnen.Als wir nach einer - zumindestens für uns beide - amüsanten Fahrtschließlich vor ihrer Tür ankommen, hält der nicht ganz so amüsierteTaxifahrer an.Ich sehe ihr tief in die Augen, sie schaut zurück und ich bemerkenochmal ihre außergewöhnliche Schönheit. Nach einem etwas zu langenBlick in die Augen verabschieden wir uns mit jeweils einem Kuß auf dieWangen und einer ebenfalls möglicherweise einen Tick zu langen Umarmung,gepaart mit gegenseitigen Beteuerungen, wie schön der gemeinsame Abenddoch war.Als ich schließlich bei der Liebsten ankomme, wähne ich diese schonlängst im Bett. Weit gefehlt. Sie blieb natürlich solange wach, bisich wieder zuhause ankomme und ihr vom Verlauf des Abends berichtenkann."Und? Wie war's?"stürmt sie mir entgegen."Oh, alleine für diesen Abendhat sich diese Reise zu Dir gelohnt"entgegene ich souverän, was zueinem amüsierten, aber etwas skeptischen Blick ihrerseits führt:"Dumeinst also, Du hast das Testessen bestanden?""Mit Bravour"entgegeneich, während ich die Aspirin-Tablette in mein Glas fallen lasse, wo sieanfängt zu sprudeln und beginnt, sich langsam aufzulösen."Na, das werden wir ja morgen sehen"stellt sie fest, bevor ichschließlich das Licht lösche.Meine Einschätzung muß anscheinend nicht völlig falsch gewesen sein.Nach einer Beratung der beiden Schwestern war man sich einig, daßbedenkenlos die Höchstnote vergeben werden könne - ja man dachte garüber die Einführung eines"Summa Cum Laude"nach."Ich hab's Dir jagesagt"meine ich augenzwinkernd zu ihr, wenn ich auch bis heute nichtgenau weiß, welche Informationen über diesen Abend denn nuntatsächlich zwischen den Schwestern ausgetauscht wurden.Als ich meine inzwischen verflossene Lebensgefährtin nach einigenJahren wiedersehe, kommen wir nach kurzer Zeit ins freudige Erzählenüber alte Zeiten.Ich teile ihr beiläufig mit, daß ich inzwischen ebenfalls erwogen habe,das Testessen gemeinsam mit einem alten Freund auch bei mir einzuführen,da ich vom Charme dieser Idee nach wie vor angetan sei - was wohl nichtzuletzt auch mit dem damaligen Abendverlauf zusammenhängen dürfte."Was für ein Testessen?"fragt sie und ich antworte etwas verwundert:"Na, damals mit Deiner Schwester. Was ist denn damit? Gab es neueKandidatenbewertungen in letzter Zeit?""Das Testessen wurde abgeschafft"teilt sie mir in etwas eisigerStimme mit."Abgeschafft?"frage ich verblüfft?"Ja", führt sie aus, es sei da zu einem kleinen Zwischenfall gekommen.Nach meinem Ausscheiden aus ihrem Liebesleben habe es wohl einigeweitere Testessen gegeben - wenn natürlich auch nicht mit denBewertungen wie bei mir, teilt sie mir mit."Und?", frage ich,"warumwurden denn die Testessen dann nun abgeschafft? Mangelte es angeeigneten Kandidaten?"Es habe habe da vor einiger Zeit einen recht attraktiven jungen Herrenin ihrem Leben gegeben, der sich anscheinend weniger durch seineIntelligenz als vielmehr durch seine sonstigen maskulinen Qualitätenauszeichnete."Und? Kam es zum Testessen?"frage ich neugierig.Nicht nur zum Essen sei es gekommen. Er habe aber wohl die geschätzteSchwester mit dem Nachtisch verwechselt - und diese habe sicherstaunlicherweise nicht dagegen gewehrt, sondern sich offensichtlichwohl äußerst gern vernaschen lassen."Ach was", stelle ich loriotartig amüsiert fest und erfrage, wie sichdenn dieser diplomatische Zwischenfall auf die schwesterlichenBeziehungen ausgewirkt habe.Oh, das sei gar kein Problem gewesen. Sicherlich habe es eine kurzePhase der Abkühlung gegeben, diese sei aber nicht von langer Dauergewesen. Blut sei schließlich dicker als Wasser."Und was ist mit dem Verführer?", frage ich.Auch hier sei man sich schnell einig gewesen. Nach einer kurzen Beratungim schwesterlichen Familienrat stellte man fest, daß die Schuld an derganzen Misere vor allem dem Liebhaber zuzuschreiben sei. Es sei einfachunmöglich gewesen, daß er sich der Schwester unziemlich genährt habe.Damit war das Thema abgehakt: Der Liebhaber wurde kollektiv verstoßen- man gehe aber davon aus, daß er sich schnell getröstet habe -, diebeiden Schwestern vertrugen sich und waren fortan wieder ein Herz undeine Seele.Nur ein Testessen, das habe bis zum heutigen Tage nicht wiederstattgefunden.[Diesen Artikel als Podcast hören|Podcast-Feed bei iTunes abonnieren]
[ Mit, 19 Okt 2005 00:12:55 GMT ]
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